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Automatikuhren Test, Vergleich & Ratgeber 2021

Tutima

Nach dem Zusammenbruch der in wirtschaftliche Schwierigkeiten geratenen Präzisions- Uhrenfabrik G.m.b.H. Dr. Ernst Kurtzim Jahre 1927 entstanden unter maßgeblicher Federführung von Dr. jur. Ernst Kurtz aus der Konkursmasse die beiden Firmen Urofa und Ufag. Die Urofa übernahm die Rohwerke -Fertigung für Armbanduhrkaliber und die Ufag deren Weiterverarbeitung und Remontage in Gehäuse.

Dr. Ernst Kurtz bewies eine glückliche Hand beim Aufbau der beiden Unternehmen, der in den dreißiger Jahren einsetzende wirtschaftliche Aufschwung tat ein übriges, und so konnten sich Urofa und Ufag am Markt behaupten. Als gelungene Entwicklung machte sich ein attraktives Formwerk, das Urofa- Raumnutzwerk einen Namen, und die Ufag- Marke Tutima etablierte sich als Qualitätsbegriff. Ende 1938 stufte das Rüstungsministerium unter Albert Speer die Urofa und Ufag als Betriebe zur Wehrfertigung ein.

Die Vorbereitungen zur Produktion für den späteren Fliegerchronographen der Reichsluftwaffe liefen ab etwa 1939 an. Das Reichsluftwaffen- Ministerium entwarf ein strenges Pflichtenheft für die künftige Dienstuhr. So musste sie etwa starke Stöße und hohe Querbeschleunigung ebenso aushalten wie einen Druck von 15 atü über mindestens einundhalb Stunden. Auch die unbedingt einzuhaltende Gangleistung wurde exakt definiert: Toleriert wurden Gangdifferenzen innerhalb von -3 bis +12 Sekunden im Bereich von -0 bis +40 Grad Celsius.

Zwischen 1941 und 1945 wurden etwa 30 000 Tutima-Fliegerchronographen gebaut, die meisten davon als Dienstuhr für Militärpiloten der Luftwaffe. Für die Uhr wurde von der Urofa eigens ein neues Kaliber entwickelt: ein Chronographenwerk vom Typ Kaliber 59 mit 30 Minuten- Zähler, Schaltradsteuerung, Schraubenunruh und Breguet-Spirale, das sich an Schweizer Vorbildern orientierte. Es fügte sich, dass der Bruder von Dr. Kurtz, Dipl.-Ing. Walter Kurtz, als Testpilot für die Reichsluftwaffe tätig war und so das Produkt des Bruders stets am Arm trug.

Nach dem Zusammenbruch 1945 gelang es Dr. Kurtz, im unterfränkischen Memmelsdorf in einem ehemaligen Montagebetrieb von Glashütte erneut eine Uhrenfabrikation aufzuziehen. Die alten Betriebe Urofa und Ufag wurden unterdessen von der sowjetischen Besatzungsmacht demontiert und die Produktionsmittel in die Sowjetunion transportiert. Der erste Auftrag der neugegründeten Uhrenfabrik Kurtz bestand darin, gerettete Restbestände vom Typ 59 zu remontieren und an die US-Armee zu liefern. Ab 1951 fertigte Dr. Kurtz seine inzwischen mit „Kurtz Glashütter Tradition“ signierten Uhren in Ganderkesee bei Bremen.

Fünf Jahre später musste Dr. Kurtz die Segel wegen Kapazitätsschwierigkeiten streichen, es kam zur Übernahme durch den Kurtz Mitarbeiter Werner Pohlan, der nun auch wieder den einst gut eingeführten Markennamen Tutima verwendete. Dieter Delecate, der heutige Tutima- Chef, machte sich nach dem Ende bei Kurtz selbständig, gründete einen Uhrengroßhandel und vertrieb unter anderem die Tutima- Uhren seines einstigen Kollegen Pohlan. Später übernahm er auch die Fertigung und firmierte als Tutima Uhrenfabrik GmbH, die seit 1985 auch den offiziellen Fliegerchronographen der Bundeswehr herstellt. Der Kreis schließt sich mit der 1994 präsentierten Replik des einstigen Originals anlässlich des 95. Geburtstages von Dr. Ernst Kurtz, gedacht als eine Hommage an die Gebrüder Kurtz.

Die schwierigen Zeiten der 70er Jahre, als durch den Siegeszug der Quarzuhr viele Uhrenfabriken in Europa ihre Tore schließen mussten, wurden durch weitblickende Strukturmaßnahmen umgangen. Heute umfasst das Unternehmen Tutima eine weltweit operierende Firmengruppe, die kontrolliert wird von Dieter Delecate, heute Senior -Chef des Hauses.

Die Rückkehr zur komplizierten Mechanik ließ bei Tutima nicht lange auf sich warten. Im Jahr 1985 entstand der mechanische Military Chronograph 798, eine Neuentwicklung, von Tutima im Auftrag der Deutschen Bundeswehr, die seither Standardausrüstung der Bundeswehrpiloten ist. Ein Chronograph, der sich inzwischen unter härtester Beanspruchung in vielen Ländern tausendfach bewährt hat. Diese Entwicklung sollte auch den Kreis zu dem historischen Tutima Fliegerchronographen von 1941 wieder schließen. Die Neuerscheinung des modernen Tutima Fliegerchronographen weckte reges Interesse an seinem Vorgänger von 1941.

Die Menschheit kennt Klassiker im Gebrauchsdesign und sie kennt Uhrenklassiker, die Geschichte geschrieben haben und daher zurecht als Spitzenleistungen gelten können. Einer davon ist der Tutima Fliegerchronograph von 1941, dessen Genese eine differenzierte Betrachtung verdient.

Man schreibt das Jahr Kal. Urofa 591939. In Deutschland und Zentraleuropa überschlagen sich die Ereignisse. Die kriegerische Auseinandersetzung in Europa lässt sich nicht verhindern. Sie verlangt auf allen Seiten nach adäquatem Material. Speziell die Flieger benötigen robuste Hochleistungs – Chronographen. Sie drängen auf Konstruktion eines eigenen Chronographenkalibers. Es darf hinsichtlich Ganggenauigkeit und Zuverlässigkeit nicht hinter den Schweizer Fabrikaten zurückstehen.

Bei der UROFA – UFAG erwarten sich die Auftraggeber das erforderliche Maß an technologischer und uhrmacherischer Kompetenz. Knapp zwei Jahre später tickt das 15-linige Kaliber UROFA 59 zu allseitiger Zufriedenheit. Die konstruktiven Merkmale des Tutima Chronographen können sich ausnahmslos sehen lassen: 30 Minuten Zähler, Steuerung aller Stoppfunktionen über ein Schaltrad, Möglichkeit von Additionsstoppungen.

Das optische Erscheinungsbild steht den inneren Werten in keiner Weise nach: Ein voluminöses Gehäuse schützt das kostbare Uhrwerk vor äußeren Einflüssen. Das kontrastreiche Leuchtzifferblatt lässt sich in Verbindung mit den markanten Leuchtzeigern unter allen Lichtbedingungen hervorragend ablesen. Eine kannelierte, griffige Drehlünette mit rotem Merkpunkt gestattet das Einstellen von Zeiten.

Die große Aufzugskrone sowie die Drücker gehorchen unbedingt den Gesetzen der Ergonomie. Bis zum Jahr 1945 verlassen rund 30.000 Exemplare des Tutima Fliegerchronographen von 1941 die Glashütter Werkstätten. Dann sorgen die russische Truppen für ein jähes Produktionsende. Der Tutima Fliegerchronograph entschwebt ins Reich der Mythen.

Jene Flieger, die nach Kriegsende noch ein Exemplar besitzen, behüten ihn als kostbares Erinnerungsstück wie ihren Augapfel. Die Entwicklungsgeschichte, die Rarität und die konstruktiven Besonderheiten haben die Preise für „das Original“ im Zuge des Sammlerbooms der 80er Jahre raketenartig nach oben schnellen lassen. Mittlerweile geht unter 5.000 Mark fast gar nichts mehr. Für gut erhaltene Exemplare werden inzwischen sogar Summen jenseits von 10.000 Mark verlangt – und anstandslos bezahlt.